Jugendfußball: Wir sind Weltmeister! Fluch und Segen zugleich

von Deniz Solmaz

Wir haben die Bilder noch vor Augen... Das phänomenale 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien, die Ekstase nach dem erlösendem 1:0 im Finale durch Mario Götze und der grandiose Empfang unserer Weltmeister in Berlin. Wir haben allen Grund darauf stolz zu sein, was diese Mannschaft mit den vielen Eigengewächsen aus den Nachwuchsleistungszentren erreicht hat. Doch was bedeutet dieser Titel für die Jugendarbeit in den Vereinen? Der Traum Fußballprofi zu werden ist wohl selten so präsent wie in diesen Tagen.

 

Wir sind Weltmeister!
Was Besseres kann den Vereinen und dem DFB wohl nicht passieren.

Noch nie wurde das Thema Nachwuchsförderung intensiver diskutiert, als nach dem Gewinn dieser Trophäe. Beinahe jeder dürfte sich an die namentliche Erwähnung zahlreicher stiller Helden des Jugendfußballs von ARD-Kommentator Tom Bartels im Finale erinnern. Diese Menschen können zu Recht stolz darauf sein, einen kleinen Teil dazu beigetragen zu haben, dass wir Weltmeister geworden sind.

 

Ich glaube auch, dass dieser Fakt den Vereinen einen Zulauf an Kindern bescheren wird. Fußball ist omnipräsent und für jungen Kicker gibt es kaum schönere Aktivitäten als diesem Hobby nachzugehen. Sportarten wie der Handball oder Basketball beneiden uns Fußballer darum, wie einfach es aktuell scheint, neue Kids für das Training in den Vereinen zu motivieren. Gerade im G- bis E-Junioren Bereich werden Trainer keine allzu große Mühe haben, genügend Kinder für die Spielrunde begeistern zu können.

 

Ferner haben sich die Bemühungen des DFBs nach dem katastrophalen Abschneiden bei der EM 2000 gelohnt. Ein neues Konzept und eine jährliche Großinvestition haben ohne Zweifel einen bedeutenden Anteil an dieser WM. Der DFB hat erkannt, dass es ohne eine fundierte Jugendarbeit keine erfolgreiche Zukunft geben kann. Nicht ohne Grund wird aktuell darüber diskutiert, wie es die Deutschen schaffen konnten, ein solch vorbildliches Nachwuchskonzept zu installieren. Nationalverbände aus der ganzen Welt schauen nun neidisch auf das Projekt „Deutschland".


Wir sind Weltmeister!
Eine gefährliche Situation für die Kinder.

Aktuell merke ich schon, dass viele, die sich im Jugendbereich engagieren, unheimlich stolz darauf sind, dass das Thema Nachwuchsförderung einen solchen Stellenwert eingenommen hat und in der Öffentlichkeit so bewundert wird.

 

Nichtsdestotrotz muss man aber auch ehrlich gestehen, dass im deutschen Jugendfußball nicht alles so positiv ist, wie es erscheinen mag. Immer noch gehört es zur Tagesordnung, dass einige Erwachsene einen unheimlichen Druck auf die Kleinsten ausüben. Trainer, die alles dem Erfolg unterordnen. Trainer, die Spieler anschreien, weil sie in ihren Augen einen Fehler gemacht haben. Verantwortliche, die lediglich den Tabellenstand der Mannschaft im Auge haben und nach diesem ihre Arbeit beurteilen. Trainer, die zu früh selektieren und nur nach Leistungsstärke aufstellen und auswechseln. Letztlich auch einige Eltern, die Ihre Kinder trimmen, damit sie funktionieren, weil sie in ihnen schon den neuen Reus sehen. Leider gibt es da einige Negativbeispiele, wie diese unvollständige Aufzählung verdeutlicht.

 

Ich glaube, dass dieser Leistungsdruck und Leistungsgedanke in der nächsten Zeit zunehmen könnte, da viele von dem großen Markt der Juniorenspieler verbunden mit den Aufstiegschancen profitieren und sich somit auch als Entdecker des nächsten zukünftigen Nationalspielers darstellen wollen. Es gab schon immer, leider auf eine falsche Art und Weise, motivierte Erwachsene um die Kinder herum, deren Zahl in der Maximierung des sportlichen Erfolgs wohl leider eher nicht abnehmen wird. Ich habe die Befürchtung, dass die Zahl derer, denen das Spielergebnis immer wichtiger wird, zunehmen könnte und das vermehrt Kinder, die „nicht funktionieren", schneller fallen gelassen werden. Der Kampf um die Besten könnte eine fragwürdige Dynamik entwickeln, die das kindliche Wohl mehr als gefährden könnte.

 

Die Leistungszentren der Bundesligavereine machen eine gute Arbeit und haben einen großen Anteil an der Ausbildung der Weltmeister-Mannschaft. Doch gleichwohl ist die Frage, wie viele eben nicht den Sprung schaffen, wohl kaum zu beantworten. Ich glaube schon, dass es deutschlandweit noch viele unentdeckte Riesentalente gibt, für die dieser Weg der Selektion und der Angst nicht der richtige Weg war oder ist.

 

Man darf mich nicht falsch verstehen, da eine gewisse Selektion verbunden mit einem Leistungsgedanken durchaus im Juniorenfußball, ab dem C-Junioren-Bereich, eine Rolle spielt und gleichwohl auch eine Notwendigkeit darstellt. Nur muss diese Selektion und der Schrei nach der unabdingbaren Leistung auch schon bei den kleinsten Kickern vorgenommen werden?


Fazit:


Der Weltmeistertitel wird dem Land und gerade der Nachwuchsarbeit einen Schub geben. Der DFB hat erkannt, dass nachhaltige Erfolge nur über eine fundierte Ausbildung zu erreichen sind. Das Thema Jugendfußball bekommt nun endlich die Aufmerksamkeit, die es verdient. Wir müssen nur verdeutlichen, dass nicht jeder junger Kicker ein neuer Lahm oder Schweinsteiger werden kann und vielleicht auch nicht zwingend werden möchte. Der künstlich auferlegte Druck im Jugendfußball ist meiner Meinung nach zu groß.

 

Für mich ist dieser WM Titel wie ein Elfmeter in der letzten Spielminute beim Stand von 0:0 für uns. Zum einen ein großes Glück und eine riesen Möglichkeit das Spiel zu gewinnen, zum anderen muss man aber aufpassen, dass der Druck für den Schützen nicht zu groß ist, sonst wird er den Ball nicht versenken. Lasst uns gemeinsam dieses Glück annehmen, den Druck auf den Schützen reduzieren und den Elfmeter verwandeln.

 

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