Der Vereinswechselwahnsinn beginnt immer früher.

von Deniz Solmaz

Immer früher, immer öfter und immer skurriler. Vereinswechsel sind im Jugendfußball immer selbstverständlicher. Die Eigeninteressen einiger Erwachsener werden dabei vermehrt auf dem Rücken der Kinder ausgetragen. 13-jährige, die mehr als fünf Vereinswechsel hinter sich haben. Kids oder eher deren Eltern, die schon einfache Fahrtstrecken von 100 KM zum Training in Kauf nehmen. Eltern, die schon in jungen Jahren die sportliche Karriereplanung vorantreiben. Die Spirale dreht sich immer weiter. Ist das alles noch kindgerecht?

Der Kampf der Vereine um die besten Talente wird immer fragwürdiger
Viele Profivereine haben mittlerweile einen großen Stab an Scouts, die jedes Wochenende die Sportplätze der Republik anfahren um die besten Talente der jeweiligen Jahrgänge zu erspähen. Die Konkurrenz unter den Leistunszentren ist enorm, so dass schon möglichst frühzeitig versucht wird, die jungen Talente an das jeweilige Nachwuchsleistungszentrum zu binden. Dies alles geschieht unter dem Motto, dass man sich eine große quantitative Masse holt, um die Hoffnung aufrecht zuerhalten, einen neuen Götze zu entdecken. Dabei scheint es sekundär, ob eine Vielzahl der Spieler auf der Strecke bleiben.

Diese „Schlacht“ um die jungen Talente nimmt dabei immer groteskere Züge an. Um die vermeintlich talentiertesten Spieler zu bekommen und somit auch entsprechend tabellarischen Erfolg zu feiern, ist vielen jedes Mittel recht. Ob es nun die nahezu tägliche Fahrtstrecke zum Training von 70 bis 80 Kilometern ist oder der daraus oftmals resultierende Leistungsabfall in der Schule, all dies wird oftmals in Kauf genommen. Ganz zu schweigen von den sozialen Kontakten, die mit solch Belastungen zwangsläufig verloren gehen.
Ein 12-jähriges Talent muss zwangsläufig in diesem System funktionieren, sonst wird es am Ende der Saison gnadenlos aussortiert und der Traum vom Profifußball platzt wie eine Seifenblase. Die Fluktuation bei Nachwuchsmannschaft der Profiklubs ist enorm, etsprechend sind 30-40% Spielerwechsel zum Ende einer Saison nichts Ungewöhnliches.  

Dabei erinnert der Umgang mit den Spielern doch eher an ein Geschäftsmodell. Solange ein Kind oder Jugendlicher funktioniert und sich anpasst, ist er willkommen. Sobald er aus diesem Muster ausbricht oder die Trainer merken, dass sie keinen Profit mehr aus ihm ziehen können, kann der Spieler sich einen neuen Verein suchen.


Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen
Um die Problematik zu verdeutlichen, versetzen wir uns in die Lage eines Kindes, welches mit seinen zwölf Jahren schon mit seinem Klub regelmäßig gegen die Bayern, die Eintracht, gegen den BVB oder auf internationalen Turnieren auch gegen den FC Barcelona oder AC Milan kicken durfte. Für viele verständlicher Weise ein Traum. Jetzt stellen wir uns weiter vor, er schafft nicht die Übernahme im Sommer. Sei es, weil er einfach körperliche Defizite hat oder wie bei Kindern durchaus üblich ist, er eine Phase hat, in der die Entwicklungskurve nicht steil nach oben zeigt.

Bei diesen Spielern hat sich ein Gewöhnungsprozess eingesetzt: es ist irgendwann selbstverständlich gegen solche Gegner zu spielen. Doch was passiert nun, wenn sie aus besagten Gründen mit vierzehn Jahren nicht mehr gegen Gegner wie die obigen spielen können? Wenn sie auf einmal „nur“ noch gegen Darmstadt 98 oder SV Wehen Wiesbaden spielen dürfen? Meinen Spielern bei der TSG Wieseck ging es 2011 in der C-Junioren Regionalliga ähnlich. Sie haben mit vierzehn Jahren gegen den FC Bayern gespielt vor 2000 Zuschauern. Wie soll man dies noch toppen? Für fast jeden Spieler war es der Höhepunkt der Karriere und das schon in diesem Alter. Viele Spieler fallen darauffolgend in ein Loch, aus dem sie nicht mehr so einfach heraus finden.

Ich ziehe mal einen einfachen Vergleich: Zu Weihnachten bekommt Max ein Geschenk im Wert von 1000€, er freut sich riesig darüber. Nur ein Jahr später bekommt Max „nur“ ein Geschenk im Wert von 200€. Nun ist die Enttäuschung umso größer. Ein anderes Kind hätte sich über das 200€ Geschenk sicherlich gefreut.

Auch das Vorgehen einiger kleineren Vereine ist nicht am Spieler orientiert. Hierbei geht es in erster Linie nur um Eigeninteressen, da werden Spieler abgeworben, damit es dem Verein oder eher dem Trainer sportlich „besser“ geht. Ob dieser Vereinswechsel wirklich für den Spieler vom Vorteil ist, spielt dabei leider keine Rolle.

Was ich damit verdeutlichen möchte ist, dass Kinder in ihrer Entwicklung einfach Zeit brauchen. Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen, nicht die vermeintliche Karriere.

Viele Wege führen nach Rom
Mein Sohn hat Talent, was nun? Für viele Eltern ist diese Frage nicht so leicht zu beantworten. Gerade weil es den allgemein gültigen Masterplan wohl nicht gibt. Jedes Kind ist ein Individuum und sollte auch als solches behandelt werden. Auch machen Spieler oftmals unterschiedliche Entwicklungsphasen durch. Die körperliche Konstitution spielt gerade in der puberalen Phase eine entscheidende Rolle. Ein vermeintlich schmächtiger Spieler hilft, in den Augen mancher Trainer, der Mannschaft weniger weiter als ein 14-jähriger, der die Statur eines Erwachsenen hat. Wobei die Körpergröße meiner Meinung nach überhaupt keine Rolle spielen darf. Entweder hat der Junge fußballerische Qualitäten oder nicht. Das beste Beispiel ist Marco Reus, der in der B-Jugend von Borussia Dortmund wegen körperlichen Defiziten aussortiert worden ist.

Was aber die letzten Jahre immer deutlicher gezeigt hat, ist die Wichtigkeit der sozialen und psychischen Komponenten. Ich halte es für unabdingbar, die Spieler möglichst lange in ihrem gewohnten Umfeld zu belassen. Kurze Wege zum Training und am besten noch mit den Freunden aus der Nachbarschaft sind der Nährboden für eine kindgerechte Entwicklung.

Wenn wir uns aktuelle Bundesligaspieler und deren Werdegänge mal genauer anschauen, fällt einem auf, dass diese sehr unterschiedlich verlaufen sind. Es gibt ein paar wenige Spieler, die bereits seit Kindesalter bei einem Profiklub spielen. Die Zahl derer, die erst am Ende der C-Jugend beziehungsweise am Anfang der B-Junioren zu Profiklubs stoßen oder es erfreulicherweise direkt ins Internat schaffen, ist wesentlich höher.

Es gibt jedoch auch Berufsfußballer, die bis in ihr zwanzigstens Lebensjahr hinein kaum in Erscheinung getreten sind. Da fallen mir spontan drei Beispiele ein: Miroslav Klose hat bis zu seinem 21. Lebensjahr „lediglich“ in der fünften Liga gespielt und hat darauffolgend erst den Sprung zum Nationalspieler geschafft. Steffen Schmidt, aktuell Trainer des sechstligisten FV Breidenbach, hat bis 25 noch in der sechsten Liga gespielt und sich durch kontinuierlichen Fleiß in die zweite Liga gearbeitet. Oder Oliver Kahn der in seiner gesamten Jugendzeit zu keiner Zeit im Fokus irgendwelcher Auswahlmannschaften stand.


Die Liga ist nicht das wichtigste Kriterium
Im Jugendfußball der Region ist es oft zu sehen, dass es an der jeweiligen Spielklasse liegt, ob Spieler kommen oder wieder gehen. Es entsteht regelgerechter Spielklassen-Tourismus.
Steigt ein Verein in die nächst höhere Klasse auf, kommen die Kicker von überall. Steigt besagter Verein wieder ab, verlassen sie diesen umgehend wieder. Ich kenne Spieler, die der Klassenzugehörigkeit einfach hinterher wechseln und mit vierzehn Jahren schon mehr als fünf Vereine hinter sich haben.
Da frage ich mich, warum ein Vereinswechsel nur an der Spielklasse ausgemacht wird. Spielt die Qualität des Trainings und noch wichtiger des Trainers keine Rolle dabei? Oder der Zusammenhalt in einer Gemeinschaft? Oder die sozialen Beziehungen, die Kinder für ihre Entwicklung zwingend benötigen?

Ein Beispiel, um dies zu verdeutlichen: Die D-Junioren Gruppenliga Gießen/Marburg ist aktuell zwölf Mannschaften stark. Einige Vereine sind in solchen Ligen lediglich vertreten, weil der Jahrgang vor ihnen den Aufstieg oder den Klassenerhalt geschafft hat. Das bedeutet, dass eben nicht die stärksten Mannschaften in solchen Klassen spielen. Von den zwölf Vereinen spielen beispielsweise vier Vereine auf Niveau eines Kreisligisten. Ganz ohne dies abwerten zu wollen. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass lediglich acht Vereine über ein überdurchschnittliches Niveau verfügen und somit bei insgesamt 22 Spieltagen lediglich 14 Spiele* bestreiten, bei denen ein durch einen Vereinswechsel erreichter Qualitätsunterschied ersichtlich ist. Da krankheits- oder schulbedingte Fehlzeiten durchaus an den Spieltagen normal sind, fehlen die Kinder bei drei weiteren Spielen, so dass es sich um zehn wirklich „hochklassige“ Spiele handelt und somit um eine Spielzeit von ungefähr 500 Minuten pro Spieler. Gleichwohl stehen dem circa 100 Trainingseinheiten im Jahr, sprich 1500 Minuten, entgegen, die nicht immer auf höchsten Niveau sein müssen, da die Trainingsarbeit nicht unbedingt qualitativ deckungsgleich mit der Spielklasse ist. Folglich könnte man fragen, ob die Arbeit des Trainers und die Homogenität der Mannschaft nicht viel wichtiger und entscheidender sind als die Spielklasse.
Das Gesamtpaket aus Trainingsarbeit, Mannschaftsgefüge und Spielklasse müssen stimmig sein.

Fazit:
Für mich muss bei einem notwendigen Vereinswechsel immer das Gesamtpaket entscheiden. Ferner darf der Aufwand, der betrieben werden muss um den Spieler in sein neues Betätigungsfeld einzuführen, nicht zu groß sein. Es macht wenig Sinn einen 12-jährigen 80 Kilometer Fahrtstrecke zuzumuten, weil beim neuen Verein vermeintlich alles besser ist. Es macht ebenso wenig Sinn, einen 10-jährigen aus seinem gewohnten Umfeld zu reissen und mit ihm 35 Kilometer ins klassenhöhere Training zu fahren. Zudem sind es nicht nur die Spieler, die immer größere Belastungen in der Schule auferlegt bekommen und die durch die lange Autofahrten Freiheitseinschränkungen erfahren, sondern auch die Eltern verspüren im Wandel der Zeit eine Mehrfachbelastung.

Unsere Aufgabe sollte sein, jedem Spieler für seine sportliche Entwicklung alles zu ermöglichen und in bei seinem Weg bestmöglichst zu begleiten und zu unterstützen. Man darf mich nicht falsch verstehen, sicherlich sind für die sportliche Entwicklung auch Vereinswechsel zur gegebener Zeit angebracht.

Ich habe schon sehr viele Spieler auf ihrem Weg begleiten dürfen. Ein paar Spieler haben den Sprung in den bezahlten Fußball wirklich geschafft, viele spielen heute zwischen Regional- und Gruppenliga Fußball und haben Freude dran. Einige sind Trainer geworden oder üben ihr Hobby nur noch zum Spaß aus. Leider sind auch viele Spieler dabei, die das Fußballspielen komplett aufgegeben haben. Dabei waren auch unheimlich große Talente, die aber am Druck des Umfeldes fast auch menschlich zerbrochen wären.

Mein Ziel ist es auch immer die Spieler soweit wie möglich in Ihrem Wunsch, eventuell Profi zu werden, zu unterstützen. Sie sollen immer an ihre Träume glauben. Dabei muss es aber ihr Traum bleiben, nicht der Traum von uns Erwachsenen.

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